Das Hamburger Richtertheater

Vor nunmehr etwa 25 Jahren wagte ein Häuflein Hamburger Juristinnen und Juristen den Spagat zwischen Beruf und kultureller Betätigung und gründete das Hamburger Richtertheater.

Es entstand anlässlich der Vorbereitung des 6. Richterratschlags zum Thema „Ziviler Ungehorsam“, die Hamburger Kolleginnen und Kollegen übernommen hatten. Als Kulturbeitrag führten wir im Februar 1983 das Theaterstück Die 9 von Catonsville des amerikanischen Friedensaktivisten und Schriftstellers Daniel Berrigan auf. Dargestellt wurde dabei der Strafprozess, der in den USA den Mitgliedern einer Friedensgruppe gemacht worden war, weil sie bei einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg staatliche Wehrerfassungsakten verbrannt hatten. In dem Prozess haben Staatsanwaltschaft und Gericht die Angeklagten daran zu hindern versucht, die Hintergründe und ihre Motive darzustellen. Dieses Stück wurde in der Folgezeit noch häufiger aufgeführt, zuletzt im Sommer 2000.

Im Jahr 1986 folgte mit Victoria, die Computer sind da ein Stück der seinerzeitigen Regisseurin des Hamburger Richtertheaters, Elisabeth Scherf. Das beklemmende, aber auch witzige Stück setzte sich mit Orwellschen Visionen von der totalen Computerüberwachung auseinander.

Die Veranstalter des ersten Deutschen Vormundschaftsgerichtstages baten uns sodann 1988 darum, ein aktuelles Theaterstück zur Reform des Vormundschaftsrechts aufzuführen. Daraufhin erarbeitete unsere Juristentruppe das Stück Kommt Ihr erstmal in mein Alter. Hierfür hatte Elisabeth Scherf eine neue Theaterform kreiert: das Simultantheater. Auf zwei neben einander liegenden Bühnen wurden dabei unterschiedliche Entwicklungen derselben Lebenssituation gleichzeitig gespielt. Auf Einladung des Bundesjustizministeriums haben wir dieses Stück auch bei der offiziellen Vorstellung des Kabinettsentwurfs eines Betreuungsgesetzes im Februar 1989 in Bonn gespielt. Weitere Aufführungen folgten.





Im Jahr 1991 brachten wir das Stück Ein wahrer Held von John Millington Synge zur Aufführung. Das Stück stellt dar, wie jemand zum Helden stilisiert, genauso schnell aber wieder fallen gelassen wird und der Blick für eigentliche menschliche Werte dabei verloren geht.

Die Brandanschläge gegen Asylbewerberheime in Deutschland veranlassten uns, ein Theaterstück über Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit zu suchen. Als geeignet erschien uns das Requiem Ein Jud aus Hechingen von Walter Jens, wobei Elisabeth Scherf dieses Stück um das Simultanstück Paul Levi – ein Jurist verlässt Deutschland ergänzte. Auch dieses Theaterstück haben wir mehrmals aufgeführt, zuerst auf dem Richterratschlag im Januar 1995.

In den Jahren 1998 und 1999 folgte dann die politische Revue Teilen – nicht sparen, mit dem das Problem der Arbeitslosigkeit thematisiert wurde. Rainer Naujoks schrieb dazu Musik und Texte, die einerseits kurzweilig und witzig waren, die aber gleichzeitig bitterböse die soziale Wirklichkeit spiegelten und Auswege aus dem Dilemma andeuteten. Im Rahmen dieser Revue wagte sich das Hamburger Richtertheater auch an so schwierige Dinge wie Gesang und bayrischen Schuhplattler.

Unter der Leitung unserer jetzigen Regisseurin Karen-Ann Roschild wandten wir uns dann 2001 mit dem Stück Der Reichtum von Aristophanes einer klassischen Komödie zu. Dort ging es um die Frage, welche Konsequenzen es hätte, wenn der Reichtum auf einmal zu allen Menschen käme.

Sodann folgte eine Produktion, die einen zunächst scheinbar nichtigen Rechtsstreit zum Gegenstand hatte, der dann aber eine geradezu erschreckende Eigendynamik entwickelte: Im Mai 2004 haben wir im Kellertheater in Hamburg das Theaterstück Der Prozess um des Esels Schatten auf die Bühne gebracht, eine von unserer Regisseurin Karen-Ann Roschild erarbeitete Bühnenfassung des Hörspiels von Friedrich Dürrenmatt. Es ging dabei, wie der Titel schon andeutet, um einen Zivilprozess, der aus reiner Engstirnigkeit und Prinzipienreiterei um eine Nichtigkeit geführt wird und an den sich im weiteren Verlauf aus eigensüchtigen und sachfremden Motiven zahlreiche Trittbrettfahrer anhängen, bevor das Ganze in einer einzigen Katastrophe endet, bei der es letztlich nur Verlierer gibt. Weitere Aufführungen in Hamburg, Potsdam (anlässlich des Richterratschlages 2004) und Schleswig folgten.

In den Jahren 2007 und 2008 wurde es dann wieder etwas ernster. Wir muteten uns und unserem Publikum das Schauspiel „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“ zu, mit dem Bertolt Brecht seine Faschismustheorie künstlerisch umsetzte. Das Stück thematisiert das Phänomen, wie leicht ganze Bevölkerungsgruppen durch die Herrschenden zu politischen Zwecken zu Sündenböcken gemacht werden können. Insgesamt führten wir das Stück in Hamburg und Schleswig fünfmal auf.

Und nun also wieder einmal Dürrenmatt, mit einer Komödie über das Bankwesen. Wir wünschen unserem Publikum viel Vergnügen!



Das Hamburger Richtertheater im Januar 2008:
Hintere Reihe: Volker Bruns, Thorsten Schmidt, Silke Dageförde, Robert Göhring, Eva Reihl.
Mittlere Reihe: Cornelius von Nerée, Ulrich Engelfried, Claudia Walz, Thomas Meyn.
Vordere Reihe: Heiner Wegemer, Hans Deß, Sabine Happ-Göhring, Volker Lindemann, Marion Loets, Carsten Rinio.
Ganz vorne: Claus Loets.