Über das Hamburger Richtertheater

 

In den Jahren 1982/1983 wagte ein Häuflein Hamburger Juristinnen und Juristen den Spagat zwischen Beruf und kultureller Betätigung und gründete das Hamburger Richtertheater.

Es entstand anlässlich der Vorbereitung des 6. Richterratschlags zum Thema „Ziviler Ungehorsam“, die Hamburger Kolleginnen und Kollegen übernommen hatten. Als Kulturbeitrag führten wir im Februar 1984 das Theaterstück Der Prozess gegen die Neun von Catonsville des amerikanischen Friedensaktivisten und Schriftstellers Daniel Berrigan unter der Regie unserer damaligen Regisseurin Elisabeth Scherf auf. Dargestellt wurde dabei der Strafprozess, der in den USA den Mitgliedern einer Friedensgruppe gemacht worden war, weil sie bei einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg staatliche Wehrerfassungsakten verbrannt hatten. In dem Prozess haben Staatsanwaltschaft und Gericht die Angeklagten daran zu hindern versucht, die Hintergründe und ihre Motive darzustellen. Dieses Stück wurde in der Folgezeit noch häufiger aufgeführt, zuletzt im Sommer 2000.

Im Jahr 1986 folgte mit Victoria, die Computer sind da ein Stück unserer Regisseurin Elisabeth Scherf. Das beklemmende, aber auch witzige Stück setzte sich mit Orwellschen Visionen von der totalen Computerüberwachung auseinander.

Die Veranstalter des 1. Deutschen Vormundschaftsgerichtstags baten uns 1988 darum, ein aktuelles Theaterstück zur Reform des Vormundschaftsrechts aufzuführen. Daraufhin erarbeitete unsere Juristentruppe das Stück Kommt Ihr erst 'mal in mein Alter. Hierfür hatte Elisabeth Scherf eine neue Theaterform kreiert: das Simultantheater. Auf zwei neben einander liegenden Bühnen wurden dabei unterschiedliche Entwicklungen derselben Lebenssituation gleichzeitig gespielt. Auf Einladung des Bundesjustizministeriums haben wir dieses Stück auch bei der offiziellen Vorstellung des Kabinettsentwurfs eines Betreuungsgesetzes im Februar 1989 in Bonn gespielt. Weitere Aufführungen folgten.

Im Jahr 1991 brachten wir das Stück Ein wahrer Held von John Millington Synge zur Aufführung. Das Stück stellt dar, wie jemand zum Helden stilisiert, genauso schnell aber wieder fallen gelassen wird und der Blick für eigentliche menschliche Werte dabei verloren geht. Die Brandanschläge gegen Asylbewerberheime in Deutschland veranlassten uns, ein Theaterstück über Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit zu suchen. Als geeignet erschien uns das Requiem Ein Jud aus Hechingen von Walter Jens, wobei Elisabeth Scherf dieses Stück um das Simultanstück Paul Levi – ein Jurist verlässt Deutschland ergänzte. Auch dieses Theaterstück haben wir mehrmals aufgeführt, zuerst auf dem Richterratschlag im Januar 1995.

In den Jahren 1998 und 1999 folgte die politische Revue ... teilen, nicht sparen!, mit dem das Problem der Arbeitslosigkeit thematisiert wurde. Rainer Naujoks schrieb dazu Musik und Texte, die einerseits kurzweilig und witzig waren, die aber gleichzeitig bitterböse die soziale Wirklichkeit spiegelten und Auswege aus dem Dilemma andeuteten. Im Rahmen dieser Revue wagte sich das Hamburger Richtertheater auch an so schwierige Dinge wie Gesang und bayrischen Schuhplattler.

Unter der Leitung unserer jetzigen Regisseurin Karen-Ann Roschild wandten wir uns 2001 mit dem Stück Der Reichtum von Aristophanes einer klassischen Komödie zu. Dort ging es um die Frage, welche Konsequenzen es hätte, wenn der Reichtum auf einmal zu allen Menschen käme.

Es folgte eine Produktion, die einen zunächst scheinbar nichtigen Rechtsstreit zum Gegenstand hatte, der aber eine geradezu erschreckende Eigendynamik entwickelte: Im Mai 2004 haben wir im Kellertheater in Hamburg das Theaterstück Der Prozess um des Esels Schatten auf die Bühne gebracht, eine von unserer Regisseurin Karen-Ann Roschild erarbeitete Bühnenfassung des Hörspiels von Friedrich Dürrenmatt. Es ging dabei, wie der Titel schon andeutet, um einen Zivilprozess, der aus reiner Engstirnigkeit und Prinzipienreiterei um eine Nichtigkeit geführt wird und an den sich im weiteren Verlauf aus eigensüchtigen und sachfremden Motiven zahlreiche Trittbrettfahrer anhängen, bevor das Ganze in einer einzigen Katastrophe endet, bei der es letztlich nur Verlierer gibt. Weitere Aufführungen in Hamburg, Potsdam (anlässlich des Richterratschlages 2004) und Schleswig folgten.

In den Jahren 2007 und 2008 wurde es wieder etwas ernster. Wir muteten uns und unserem Publikum das Schauspiel Die Rundköpfe und die Spitzköpfe zu, mit dem Bertolt Brecht seine Faschismustheorie künstlerisch umsetzte. Das Stück thematisiert das Phänomen, wie leicht ganze Bevölkerungsgruppen durch die Herrschenden zu politischen Zwecken zu Sündenböcken gemacht werden können. Insgesamt führten wir das Stück in Hamburg und Schleswig fünfmal auf.

Als nächstes Stück wählten wir die Komödie Frank V. von Friedrich Dürrenmatt aus, die wir im Frühjahr 2010 in Hamburg und Schleswig insgesamt fünfmal aufführten. Das Stück schildert den Niedergang einer Privatbank, in der - gelinde gesagt - nicht ausschließlich mit legalen Mitteln gearbeitet wird. Etwaige Parallelen zur weltweiten Bankenkrise waren natürlich rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Gegenwärtig arbeiten wir an dem Theaterstück Yvonne, die Burgunderprinzessin von Witold Gombrowicz. Informationen zu dieser Produktion finden Siehier.

 

Das Hamburger Richtertheater ca. 1997

ganz hinten: Elisabeth Scherf
davor: Sabine Schmidt, Konstanze Görres-Ohde; Doris Alexy-Girardet, Heiner Wegemer, Robert Göhring, Hans-Erich Jürgens, Volker Lindemann
davor: Sabine Happ-Göhring, Bernd Hahnfeld, Marion Loets, Monika Rolf-Schoderer

 

 

Das Hamburger Richtertheater im Januar 2008

hintere Reihe: Volker Bruns, Thorsten Schmidt, Silke Dageförde, Robert Göhring, Eva Reihl
mittlere Reihe: Cornelius von Nerée, Ulrich Engelfried, Claudia Walz, Thomas Meyn
vordere Reihe: Heiner Wegemer, Hans Deß, Sabine Happ-Göhring, Volker Lindemann, Marion Loets, Carsten Rinio
ganz vorne: Claus Loets